Von der Diktatur des (großen) Kapitals zur sozialistischen Demokratie (Gene Sharp 2.0)

 

Von der Diktatur des (großen) Kapitals zur sozialistischen Demokratie (Gene Sharp vom Kopf auf die Füße gestellt) – Ein Leitfaden für die Befreiung von der kapitalistischen Herrschaft (Gene Sharp 2.0).

Gegen den Strich gelesen, sozusagen vom kapitalistischen Kopf auf die sozialistischen Füße gestellt, könnte Gene Sharps Buch „Von der Diktatur zur Demokratie – Ein Leitfaden für die Befreiung“ auch unter obigem Titel reüssieren.

Zunächst einmal bietet das Buch Gene Sharps „nur“ sehr aufschlussreiche Hilfestellung für die bessere Einordnung und überaus erhellende Informationen zu den Hintergründen der sogenannten bunten Revolutionen der letzten Jahre in Jugoslawien, Weißrussland, Libanon etc. und zuletzt in der Ukraine. Es gehört ganz offensichtlich zu den Drehbüchern, die von interessierten Kreisen benutzt wurden und werden, missliebige Regierungen durch gezielte und strategisch geplante Einflussnahmen auf die gesellschaftlichen Entwicklungen und politischen Prozesse zu stürzen.

Die Art der Diktatur wird in Gene Sharps Buch nicht näher definiert bzw. spezifiziert. Auch die Verwendung der Begriffe Demokratie und Befreiung erfolgt sehr unspezifisch. Deshalb ist es nicht nur legitim sondern zutiefst konsequent, seinen Leitfaden auf die Zerschlagung/Überwindung der Diktatur zu beziehen, die den Kapitalismus konstituiert: die Diktatur des (großen) Kapitals, und auf das Ziel des Aufbaus einer Demokratie, die ihren Namen wirklich verdient: die sozialistischen Demokratie.

Nachfolgende Rezeption unternimmt es, genau dies zu tun und das Buch so zu lesen, als ob ein sozialistischer Gene Sharp (Gene Sharp 2.0) es unter dem Titel „Von der Diktatur des (großen) Kapitals zur sozialistischen Demokratie – Ein Leitfaden für die sozialistische Befreiung“ geschrieben hätte.

Das zentrale Ergebnis der Lektüre unter diesem sozialistischen/ antikapitalistischen Blickwinkel sei an dieser Stelle bereits vorweggenommen. Nicht (mehr) zu übersehen ist, dass es einen gewaltig großen Blinden Fleck im Inneren des Auges der gesellschaftlichen und politischen Linken (vor allem der LINKEN) in Deutschland gibt. Der ist überdeutlich zu erkennen:

Blinder Fleck im Auge der Linken/LINKEN: Es existiert keine Strategie und Planung zur Überwindung der Diktatur des (großen) Kapitals.

Ganz offensichtlich ist, dass die Linke/LINKE in Deutschland bis heute keinerlei Vorstellung darüber entwickelt hat, wie sie es – fast 100 Jahre nach dem ersten gescheiterten Versuch 1918/1919 – in absehbarer Zeit (!) schaffen will oder dazu beitragen will, von der Diktatur des (großen) Kapitals zur sozialistischen Demokratie zu gelangen. Ganz im Gegensatz zu den von EUSA gesponsorten und EUSA-hörigen Un-Demokraten in Kiew, die eine klare, an Gene Sharp orientierte Strategie des politischen Umsturzes zur Erringung der politischen Macht verfolg(t)en, besitzt die Linke/LINKE in Deutschland offensichtlich überhaupt keine vergleichbare, sorgfältig durchdachte Strategie und Planung.

Alles was die Linke/LINKE aktuell tut, ob parlamentarisch oder außerparlamentarisch, ist im Grunde genommen nur Flickschusterei oder dem Zufall überlassen, getrieben von außen und nur wenig selbst bestimmt. Es beruht vor allem nicht auf gründlichen Analysen und nimmt – das kommt erschwerend hinzu – noch immer nicht ausreichend in den Blick, dass das Zeitfenster für den ernsthaften Beginn mit dem Aufbau des Sozialismus des 21. Jahrhunderts angesichts des ungebremsten Klimawandels und der deshalb zu erwartenden katastrophalen gesellschaftlichen Entwicklungen unaufhörlich kleiner wird. Von Strategie und Planung keine Spur.

Doch ab hier alles der Reihe nach.

Beginn der Rezeption.

(Vorbemerkung: Alle Zitate, die im Folgenden angeführt und kommentiert oder eventuell fett hervorgehoben werden, sind – in chronologischer Reihenfolge – Gene Sharps, Von der Diktatur zur Demokratie, Verlag C. H. Beck, München 2008, entnommen.)

Leitfaden für Denken und Planen von Befreiungsbewegungen.

Gene Sharp liefert mit seinem Buch „eine Art Leitfaden für Denken und Planung“ für „Befreiungsbewegungen“, die das Ziel haben, die Diktatur „am effektivsten und mit so wenig Leid und Toten wie möglich“ zu zersetzen und zu zerschlagen und dabei zu verhindern, dass danach eine neue, vielleicht noch grausamere Diktatur entsteht.

Realismus.

Gene Sharps Buch beginnt mit dem Plädoyer, Diktaturen realistisch zu begegnen. Das sollte auch die Linke/LINKE tun. Dazu gehört es, zu konstatieren, dass die atomisierte Bevölkerung „(in eine Masse isolierter Einzelner verwandelt)“ schwach ist, ohne Selbstbewusstsein und „unfähig zum Widerstand“. Festzustellen ist auch, dass die Überwindung von Angst und tiefsitzendem Gehorsam „eine notwendige Voraussetzung ist, um eine Diktatur zu zerschlagen“.

„Was ist unter diesen Umständen zu tun?“

Politischer Widerstand – gewaltloser Kampf.

Gene Sharp plädiert für die gewaltfreie Option, da eines klar ist: „Wenn man auf gewaltsame Mittel vertraut, entscheidet man sich genau für die Art von Kampf, bei der die Unterdrücker so gut wie immer überlegen sind“. Gewaltsame Rebellion, Guerillakrieg, Militärputsch scheiden daher aus. Die gewalttätigen faschistischen Gruppen in der Ukraine zeigen derzeit, wie kontraproduktiv und spalterisch ein solches Agieren letztlich ist und dass es unvermeidlich zum Bürgerkrieg führt.

Wahlen sind kein Instrument.

„Wahlen als Instrument grundlegenden politischen Wandels kommen in einer Diktatur„ aber ebenfalls „nicht in Frage“.

Diktaturen halten „pro forma Wahlen ab, um den Anschein von Demokratie zu erwecken“.

„Diktatoren lassen keine Wahlen zu, die sie von ihrem Thron stoßen könnten.“

Hilfe zur Befreiung kommt auch nicht von außerhalb des Landes.

Angesichts dieser Realitäten formuliert Gene Sharp vier Aufgaben, die unmittelbar zu erfüllen sind:

1. „Man muss die unterdrückte Bevölkerung in ihrer Entschlossenheit, in ihrem Selbstvertrauen und in ihren Widerstandsmöglichkeiten stärken.“
2. „Man muss die unabhängigen gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen des unterdrückten Volkes stärken.“
3. „Man muss für eine durchsetzungsfähige interne Widerstandsbewegung sorgen.“
4. „Man muss eine kluge umfassende Strategie für die Befreiung entwickeln und sie geschickt umsetzen.“

„Ein Befreiungskampf ist eine Zeit des Vertrauens auf die eigenen Kräfte und der internen Stärke der kämpfenden Gruppe.“

„Die Befreiung von Diktaturen“ hängt „letztlich von der Fähigkeit der Menschen ab, sich selbst zu befreien.“

„Völker (verfügen) über die Mittel, um sich selbst zu befreien.“

„Politischer Widerstand bzw. gewaltloser Kampf (ist) das wirkungsvollste Mittel für diejenigen, die um die Freiheit kämpfen.“

„Die jüngste Geschichte zeigt die Verwundbarkeit von Diktaturen und macht deutlich, dass sie binnen relativ kurzer Zeit zusammenbrechen können.“

„Einer Gesellschaft sowohl Freiheit als auch Frieden zu verschaffen … erfordert große strategische Fertigkeit, Organisation und Planung. Vor allem erfordert es Macht“, politische Macht.

„Diktaturen brauchen die Unterstützung der Menschen, über die sie regieren.“ Die politische Macht der Diktatur hängt ab „von der Akzeptanz des Regimes …, von der Ergebenheit und dem Gehorsam der Bevölkerung sowie von der Kooperation unzähliger Menschen und der vielen gesellschaftlichen Institutionen.“

Machtquellen der Diktatur sind

1. Autorität gegenüber der Bevölkerung bzw. Nichthinterfragen der Legitimität der Diktatur durch die Bevölkerung
2. Menschliche Ressourcen in der Form ihrer Unterstützerinnen und Unterstützer
3. Fertigkeiten und Wissen, die das System der Diktatur stützen
4. „Unsichtbare Faktoren“, „psychologische und ideologische Faktoren, welche die Menschen dazu bringen, den Herrschenden zu gehorchen und sie zu unterstützen“
5. Materielle Ressourcen in Form der Mittel, die der Diktatur zur Absicherung ihrer Macht Verfügung stehen
6. Sanktionen, d.h. Strafandrohung oder Strafen gegen widerständige Personen und Gruppen

Zusammenarbeit verweigern.

„Verweigern hingegen Bevölkerung und Institutionen die Zusammenarbeit mit Aggressoren und Diktatoren, verringert das die Verfügbarkeit der Machtquellen, von denen alle Herrscher abhängen, oder lässt sie ganz versiegen.“

Dagegen helfen Repression oder brutales Vorgehen der Diktatur nur bedingt oder zeitweise. Selbst „Totalitäre Macht ist nur dann stark, wenn man sie nicht zu oft anwenden muss.“

Je größer

„(1) der relative Wunsch der Bevölkerung, der Regierungsmacht Grenzen zu setzen;
(2) die relative Macht der unabhängigen Organisationen und Institutionen der Untergebenen, kollektiv die Quellen der Macht zu entziehen; und
(3) die relative Fähigkeit der Bevölkerung, ihre Zustimmung und Unterstützung zu verweigern“
sind, desto schwächer wird die politische Macht der Diktatur.

Schwachstellen angreifen.

„Eine sorgfältig geplante Beseitigung von Diktaturen (ist) möglich.“ Denn „Diktaturen weisen spezifische Merkmale auf, die sie höchst verwundbar machen.“ Selbst „skrupellose Diktatoren“ haben ihre Achillesferse(n). „Auch sie lassen sich besiegen, und zwar am schnellsten und mit den geringsten Opfern, wenn sich ihre Schwachstellen ausfindig machen lassen und der Angriff sich auf diese konzentriert.“

„Die beste Alternative“ im Angriff auf die Schwachstellen der Diktatur „ist politischer Widerstand“ bzw. gewaltloser Kampf.

„Der gewaltlose Kampf ist eine weitaus komplexere und vielfältigere Methode als Gewalt. Er wird mittels psychologischer, sozialer, ökonomischer und politischer Waffen geführt, die von der Bevölkerung und den gesellschaftlichen Institutionen in Anschlag gebracht werden. Sie sind unter den verschiedensten Bezeichnungen bekannt: Protest, Streik, Nichtzusammenarbeit, Boykott, Verdrossenheit und Macht des Volkes.“

„Protest und Überredung, Nichtzusammenarbeit sowie Intervention“ bilden die Hauptkategorien der Methoden des politischen Widerstands.

Die Methoden reichen von symbolischen Demonstrationen, Mahnwachen über Streiks und politische Nichtzusammenarbeit bis hin zur Einsetzung einer Parallelregierung.

„Da gewaltloser Kampf und Gewalt jeweils grundlegend anders funktionieren, ist selbst begrenzter gewaltsamer Widerstand im Zuge einer politischen Widerstandskampagne kontraproduktiv.“

„Gewaltlose Disziplin ist ein Schlüssel zum Erfolg, sie muss trotz aller Provokationen und Brutalitäten von Seiten der Diktatur und ihrer Anhänger gewahrt werden.“

Distanz zu gewaltsamem Vorgehen.

„Man sollte“, falls begrenzte Gewalt gegen die Diktatur nicht verhindert werden kann, „unbedingt das gewaltsame Vorgehen so weit wie möglich vom gewaltlosen Handeln trennen, und zwar geographisch und zeitlich sowie im Hinblick auf Bevölkerungsgruppen und Problemfelder.“

„Gewaltloser Kampf verlangt und sorgt tendenziell dafür, dass man die Angst vor der Regierung und ihrer gewaltsamen Unterdrückung verliert (oder besser unter Kontrolle hat).“

„Strategen müssen bedenken“: „Nichts ist statisch“ im politischen Widerstandskampf.

Wichtig ist, „dass die Widerstand Leistenden trotz aller Repressionen ihren gewaltlosen Kampf hartnäckig fortsetzen.“

„Massenhafte Nichtzusammenarbeit und Widerstand können die gesellschaftliche und politische Situation, insbesondere die Machtverhältnisse, so verändern, dass die Diktatoren nicht mehr in der Lage sind, die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Prozesse in Regierung und Gesellschaft zu kontrollieren.“

„Der Einsatz gewaltloser Kampfformen“ trägt „zur Demokratisierung der politischen Gesellschaft bei“.

Das Zentrale: Strategische Planung notwendig.

„Um … gegen eine Diktatur erfolgreich zu sein, bedarf politischer Widerstand sorgfältiger Planung und Vorbereitung.“

„Strategische Planung“ „auf der Grundlage einer realistischen Einschätzung der Situation und der Möglichkeiten der Bevölkerung“ „erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass alle verfügbaren Ressourcen mobilisiert und so effektiv wie möglich eingesetzt werden.“

Strategisches „Ziel ist nicht einfach, die bestehende Diktatur zu zerschlagen, sondern ein demokratisches System zu installieren.“

Wie der LINKEN ins Stammbuch geschrieben stellt Gene Sharp fest:
„Wie kommt es, dass Menschen, welche die Vision haben, ihrem Volk die Freiheit zu bringen, so selten einen umfassenden strategischen Plan“ „zum Sturz einer Diktatur entwerfen und sich lieber auf unmittelbare Fragen konzentrieren?“ „In ihrem Innersten glauben sie“ offenbar „nicht wirklich, dass sich die Diktatur durch ihre Bemühungen beenden lässt. Deshalb gilt eine entsprechende Planung als romantische Zeitverschwendung oder als vergebliche Liebesmüh‘.“
„Trotz mangelnder realer Hoffnung werden sich diese Leute gleichwohl der Diktatur aus Gründen der Integrität und vielleicht auch der Geschichte entgegenstellen. Zwar werden sie es nie zugeben (und machen sich das vielleicht auch gar nicht bewusst), aber ihre Aktionen erscheinen ihnen selbst aussichtslos. Daher hat eine langfristige, umfassende strategische Planung für sie keinen Wert.“
„Das Fehlen einer solchen strategischen Planung hat“ aber „häufig dramatische Folgen: Die eigene Stärke geht verloren, die eigenen Aktionen bleiben wirkungslos, Energie wird verschwendet auf nachrangige Fragen, Vorteile werden nicht genutzt, und Opfer sind vergeblich. Wenn Demokraten nicht strategisch planen, verfehlen sie mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit ihre Ziele.“
Grundkategorien strategischer Planung.

Folgende „Grundkategorien strategischer Planung“ definiert Gene Sharp:

1. „Die <<grand strategy>>, die umfassende Strategie dient dazu, den Einsatz aller geeigneten und verfügbaren Ressourcen (wirtschaftliche, menschliche, moralische, politische, organisatorische usw.) einer Gruppe, die in einem Konflikt ihre Ziele zu erreichen sucht, zu koordinieren und zu lenken.“
2. „Die Strategie legt fest, wie man bestimmte Ziele in einem Konflikt am besten erreicht, und bewegt sich im Rahmen der umfassenden Strategie, für die man sich entschieden hat.“
3. „Eine Taktik ist eine begrenzte Aktion, die zum Einsatz kommt, um ein begrenztes Ziel zu erreichen“, die Strategie also umzusetzen.
4. „Vorgehensweisen“ oder „Methoden“ oder „Aktionsformen“ beschreiben innerhalb des Kampfes „spezifische Waffen oder Handlungsweisen.“

Umfassende Strategie – gewaltloser, politischer Widerstand und Kampf.

„Die Ausarbeitung eines verantwortungsvollen und effektiven strategischen Plans für die gewaltlose Auseinandersetzung hängt davon ab, dass die umfassende Strategie, die einzelnen Strategien, die Taktik sowie die Vorgehensweisen sorgfältig formuliert und ausgewählt sind:“

„Bei der strategischen Planung der Befreiung von einer Diktatur bedarf es des überlegten Einsatzes des eigenen Verstandes. Gelingt es nicht, intelligent zu planen, kann das katastrophale Folgen haben.“

„Die Entwicklung einer Widerstandsstrategie verlangt, dass man zahlreiche Fragen und Aufgaben berücksichtigt.“ „Jede strategische Planung … setzt voraus, dass die Planer des Widerstandes die gesamte Konfliktsituation überblicken und dabei insbesondere auf physische, historische, gouvernementale, militärische, kulturelle, soziale, politische, psychologische, wirtschaftliche und internationale Faktoren achten.“

„Auf der Ebene der <<grand strategy>> müssen die Planer entscheiden, welche Mittel der Auseinandersetzung sie im anstehenden Konflikt einsetzen wollen. Es gilt dabei die Vor- und Nachteile verschiedener alternativer Kampftechniken zu bewerten, etwa der konventionellen militärischen Kriegführung, des Guerillakriegs, des politischen Widerstands und anderer.“

Gene Sharp plädiert (s.o.) auf der Ebene der umfassenden Strategie, der <<grand strategy>>, sich für den politischen Widerstand bzw. gewaltlosen Kampf zu entscheiden, da „der politische Widerstand eindeutige komparative Vorteile gegenüber anderen Techniken der Auseinandersetzung aufweist“ und „zu einer ausgeglicheneren Verteilung effektiver Macht bei(trägt), indem er … die Gesellschaft gegen die Diktatur mobilisiert.“

Von der Gegenwart über die Befreiung bis in die sozialistische Demokratie denken und planen.

„Die Planer der <<grand strategy>> (müssen) in groben Zügen skizzieren, wie der Konflikt am besten ausgetragen wird. Dieser allgemeine Plan sollte von der gegenwärtigen Situation bis zur künftigen Befreiung und der Einrichtung eines demokratischen Systems reichen.“

Dabei ist klar, „dass es nicht eine einzige Blaupause gibt, mit der sich die Strategie für jede Befreiungsbewegung gegen eine Diktatur planen lässt. Jeder Kampf für den Sturz einer Diktatur und die Einführung eines demokratischen Systems wird anders aussehen.“

„Wurde die grundlegende Kampfstrategie sorgfältig geplant, gibt es gute Gründe, sie weithin bekannt zu machen. Die zahlreichen Menschen, die sich beteiligen müssen, dürften bereitwilliger sein und besser agieren können, wenn sie die allgemeine Konzeption ebenso verstehen wie spezifische Instruktionen.“

„Sobald ein umfassender strategischer Plan zum Sturz der Diktatur und zur Errichtung eines demokratischen Systems gefasst wurde, müssen die demokratischen Kräfte ihn mit Nachdruck verfolgen.“

Strategische Kampagnen – Einzelstrategien – Taktiken.

„Doch so klug und vielversprechend die umfassende Strategie zum Sturz der Diktatur und zur Etablierung der Demokratie auch sein mag: Sie setzt sich nicht von selbst um. Es bedarf spezifischer Einzelstrategien, welche die zentralen Kampagnen zur Schwächung der diktatorischen Macht lenken. Diese Strategien wiederum enthalten und lenken eine Reihe taktischer Vorgehensweisen, die darauf ausgerichtet sind, dem diktatorischen Regime entscheidende Schläge zu versetzen.“

„Für die Ausformulierung von Kampfstrategien bedarf es … immer einer auf Wissen beruhenden Kreativität.“

„Um erfolgreich politischen Widerstand gegen eine Diktatur zu leisten, muss die Bevölkerung die Idee der Nichtzusammenarbeit begreifen.“

„Bei vorhergehender strategischer Planung lassen sich allgemeine Leitlinien des Widerstands vorbereiten und verbreiten“, deren Kenntnis vor „falschen <<Widerstandsinstruktionen<<“ der Geheimpolizei schützen kann.

„Strategische Planer müssen die wahrscheinlichen Reaktionen und Repressionen … der Diktatur auf die Aktionen des demokratischen Widerstands berücksichtigen.“

„Planer müssen berücksichtigen, welche Maßnahmen ergriffen werden können, um trotz brutaler Gegenreaktion“ und des Einsatzes von agents provocateurs „gewaltlose Disziplin zu wahren und den Widerstand aufrecht zu erhalten.“

Wichtig ist, am sorgfältig abgewogenen und vorbereiteten „Vorgehensplan“ fest zu halten, „sich nicht durch nebensächliche Zugeständnisse der Diktatoren ablenken“ bzw. „von der Grundstrategie oder der Strategie für eine spezifische Kampagne“ abbringen zu lassen.

„In Situationen, in denen sich die Bevölkerung ohnmächtig und verängstigt fühlt, ist es wichtig, dass die Menschen zunächst nur wenig riskante, vertrauensbildende Aktionen durchzuführen haben.“

„Ein Erfolg solch begrenzter Kampagnen könnte nicht nur spezifische Missstände beheben, sondern auch die Bevölkerung davon überzeugen, dass sie tatsächlich über Machtpotential verfügt. Die meisten Kampagnenstrategien im Rahmen des langfristigen Kampfes sollten nicht darauf abzielen, die Diktatur sofort und vollständig zu stürzen, sondern stattdessen begrenztere Ziele ins Auge fassen. Ebenso wenig erfordert jede Kampagne, dass sich alle Bereiche der Bevölkerung daran beteiligen.“

„Kampagnen am Anfang, in der Mitte und gegen Ende des langfristigen Kampfes … unterscheiden“ sich stark „voneinander“.

Anfang: Mit selektiven strategischen Kampagnen beginnen.

„In den ersten Phasen der Auseinandersetzung können getrennte Kampagnen mit unterschiedlichen Zielsetzungen sehr nützlich sein. Solche selektiven Kampagnen sollten aufeinander folgen. Mitunter können zwei oder drei sich auch zeitlich überlappen. Bei der Planung einer Strategie für solch <<selektiven Widerstand>> muss man spezifische begrenzte Problembereiche oder Missstände ausmachen, die symbolisch für die allgemeine Unterdrückung durch die Diktatur stehen. Sie können geeignete Ziele für Kampagnen darstellen, mit denen man strategische Zwischenziele (…) erreicht. Diese strategischen Zwischenziele müssen durch die aktuelle oder projizierte Machtkapazität der demokratischen Kräfte erreichbar sein. Das garantiert eine Reihe von Siegen, die gut für die Moral sind und überdies dazu beitragen, dass sich die Machtverhältnisse für den langfristigen Kampf zugunsten der Demokratieanhänger verschieben.“

„Strategien selektiven Widerstands sollten sich vor allem auf spezifische soziale, wirtschaftliche und politische Fragen konzentrieren. Diese kann man auswählen, um manche Bereiche des sozialen und politischen Systems der Kontrolle der Diktatoren zu entziehen, um die Kontrolle über einige Teile zurückzuerlangen, (…) , oder um den Diktatoren ein bestimmtes Ziel streitig zu machen.“

„Wenn möglich, sollte die Kampagne selektiven Widerstands auch auf eine oder mehrere Schwachstellen der Diktatur abzielen.“

„Die Strategen müssen schon sehr früh zumindest die Strategie für die erste Kampagne planen.“

„Wenn möglich, sollte man die Strategien für eine zweite oder dritte Kampagne zumindest schon in allgemeinen Grundzügen formulieren.“

Taktik – Aktion.

Die erste Aktion nimmt vermutlich die Form eines symbolischen Protests an, oder es kann sich um einen symbolischen Akt begrenzter oder temporärer Nichtzusammenarbeit handeln“, z.B.“ an einem Ort mit symbolischer Bedeutung eine Mahnwache abhalten.“

„Die Widerstandskampagne auf verschiedene Problembereiche und Bevölkerungsgruppen zu verteilen ermöglicht es, dass bestimmte Bevölkerungsteile sich ausruhen und neue Kraft schöpfen, während der Widerstand weitergeht.

Mitte: „auf die Macht der Diktatoren zielen“.

„Da der Kampf nach den Anfangsstrategien in ambitioniertere und fortgeschrittenere Phasen eintritt, müssen die Strategen planen, wie sich die Machtquellen der Diktatoren weiter reduzieren lassen.“

„Die Strategen (können) weitergehende Formen der Nichtzusammenarbeit und Verweigerung entwickeln, um die Diktatoren von ihren Machtquellen abzuschneiden. Ziel ist dabei, für eine zunehmende politische Lähmung zu sorgen und letztlich die Diktatur insgesamt zu Fall zu bringen.“

„Es gilt sorgfältig zu planen, wie die demokratischen Kräfte die Unterstützung, die Bevölkerung und Gruppen der Diktatur früher zukommen ließen, schwächen können.“

„Man sollte die Anhänger der Diktatur zumindest so weit bringen, dass sie sich in ihren Aktivitäten <<neutral>> verhalten (<<Zaungäste>>)“.

Unterstützung der Diktatur durch Armee, Polizei, Beamtenapparat schwächen.

Während der Planung und Umsetzung von politischem Widerstand und Nichtzusammenarbeit gilt es unbedingt auf alle wichtigen Anhänger und Unterstützer der Diktatur zu achten, unter anderem auf deren innersten Zirkel, auf die politische Polizei, die Polizei und den Beamtenapparat, ganz besonders aber auf die Armee.“

„Es bedarf sorgfältiger Einschätzung, wie loyal die Streitkräfte, also Soldaten und Offiziere, zur Diktatur stehen.“

„In der Anfangsphase des Befreiungskampfes sollte man eine spezielle Strategie entwickeln, wie man mit den Truppen und Funktionären der Diktatur kommuniziert.“

„Die Streitkräfte sollten wissen, dass es sich um einen ganz besonderen Kampf handeln wird, der die Diktatur zu Fall bringen, nicht aber das Leben der Soldaten bedrohen will. Derartige Bemühungen würden letztlich darauf abzielen, die Moral der regimetreuen Truppen zu untergraben und sie dazu zu bringen, schließlich der Demokratiebewegung Loyalität und Gehorsam entgegenzubringen. Ähnliche Strategien ließen sich für die Polizei und den Beamtenapparat entwickeln.“

„Gleichgesinnte Offiziere können eine wichtige Rolle im Kampf um Demokratie spielen und beispielsweise dafür sorgen, dass sich unter den Soldaten Verdrossenheit und Nichtzusammenarbeit ausbreiten“.

„Die Armee ist eine der wichtigsten Machtquellen für Diktatoren“.

„Widerstandsstrategen sollten wissen, dass es ausnehmend schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist, eine Diktatur zu stürzen, wenn Polizei, Beamtenapparat und Streitkräfte diese voll unterstützen und gehorsam all ihre Befehle befolgen.“

„Die Planer der Demokraten sollten deshalb vor allem Strategien verfolgen, die darauf abzielen, die Loyalität der Stützen der Diktatur ins Wanken zu bringen.“

„Sorgfältig durchgeführte und erfolgreiche Kampagnen politischen Widerstands“ haben „kumulative Wirkung“. Die Diktatur wird zunehmend geschwächt. Ihre Machtquellen versiegen:

1. „Akte symbolischer Verweigerung und symbolischen Widerstands gehören zu den Mitteln, mit denen sich die moralische und politische Autorität eines Regimes untergraben lässt – seine Legitimität.“
2. Die menschlichen Ressourcen schwinden infolge umfassender Nichtzusammenarbeit und Verweigerung
3. Die Verfügbarkeit systemrelevanter Fertigkeiten und Techniken schwindet mit der Zunahme nichtkooperierender Personen und Gruppen
4. Die unsichtbaren (psychologische, ideologische) Faktoren verlieren an Bindekraft
5. Die Verfügbarkeit der materiellen Ressourcen wird stark vermindert oder gar beseitigt
6. Sanktionen verlieren ihre Wirksamkeit in dem Maße, wie „die Bevölkerung wie in einem Krieg bereit (ist), als Preis des Widerstands schwerwiegende Folgen in Kauf zu nehmen“, und „die Diktatur (sich) nicht mehr auf die Polizei und das Militär als Repressionsapparat verlassen kann“.

„Der Erfolg gegen eine fest im Sattel sitzende Diktatur verlangt, dass Nichtzusammenarbeit und Widerstand die Machtquellen des Regimes reduzieren und beseitigen.“

„Eine kompetente strategische Planung des politischen Widerstands muss sich deshalb gegen die wichtigsten Machtquellen der Diktatoren richten.“

Zweite <<Front>>.

„In Kombination mit dem politischen Widerstand während der Phase selektiver Opposition erweitert das Gedeihen eigenständiger sozialer, wirtschaftlicher, kultureller und politischer Institutionen den <<demokratischen Raum>> der Gesellschaft und schränkt die Kontrollmacht der Diktatur ein.“

„Falls und sobald die Diktatur eingreift, um dieser << eskalierenden Freiheit>> Einhalt zu gebieten, lässt sich der gewaltlose Kampf zur Verteidigung dieses frisch gewonnenen Freiraums einsetzen, so dass sich die Diktatur in dieser Auseinandersetzung einer zweiten <<Front>> gegenübersieht.“

„Mit der Zeit kann diese Kombination aus Widerstand und <<institution building>> de facto zur Freiheit führen, das heißt, der Zusammenbruch der Diktatur und die formelle Einführung eines demokratischen Systems lassen sich nicht mehr bestreiten, denn die Machtverhältnisse innerhalb der Gesellschaft haben sich grundlegend geändert.“

Sozialistisch-demokratische Parallelregierung.

„Selbst wenn eine Diktatur noch immer Regierungsämter besetzt, lässt sich mitunter eine demokratische <<Parallelregierung>> ins Leben rufen. Diese dürfte zunehmend als Konkurrenzregierung agieren, der von der Bevölkerung und den gesellschaftlichen Institutionen Loyalität, Gefolgschaft und Kooperation entgegengebracht werden.“

„Am Ende kann die demokratische Parallelregierung das diktatorische Regime im Zuge des Übergangs zu einem demokratischen System vollständig ersetzen.“

Ende: Die Diktatur zerschlagen.

„Die Strategen der demokratischen Kräfte sollten frühzeitig bedenken, dass ein Zeitpunkt kommt, an dem die demokratischen Kräfte über selektiven Widerstand hinausgehen und sich massenhaft widersetzen können.“

„In den meisten Fällen bedarf es einer gewissen Zeit, um die Widerstandskapazitäten zu schaffen, aufzubauen oder auszuweiten, und bis sich massenhafter Widerstand entwickelt, können oft mehrere Jahre vergehen.“

„Strategen sollten“ aber trotzdem „ bedenken, dass es in einigen Situationen extrem schnell zum völligen Zusammenbruch einer Diktatur kommen kann“.

„Man sollte lieber für einen langen Kampf planen (und gleichzeitig auf einen kurzen vorbereitet sein).“
„Im Verlauf des Befreiungskampfes sollte man Siege feiern, selbst wenn sie nur begrenzte Bereiche betreffen.“

Sieg – Siegeschance.

„Die Demokraten sollten vorab planen, wie der Übergang von der Diktatur zur Interimsregierung am Ende des Kampfes vonstatten gehen soll.“

„Man muss überlegen, welche Bereiche der alten Regierungsstruktur (wie etwa die politische Polizei) wegen ihres antidemokratischen Charakters völlig abgeschafft und welche Bereiche beibehalten und später demokratisiert werden sollen. Ein völliges Regierungsvakuum kann leicht ins Chaos oder zu einer neuen Diktatur führen.“

„Man sollte vorab entscheiden, wie man mit hochrangigen Vertretern der Diktatur umgehen will, wenn diese ihre Macht verloren haben.“

„Ein Blutbad ist unbedingt zu verhindern.“

„Es sollte ausgearbeitete Pläne für den Übergang zur Demokratie geben, die umgesetzt werden können, wenn die Diktatur geschwächt ist oder zusammenbricht. Solche Pläne können verhindern, dass eine andere Gruppe mittels eines Staatsstreichs die Macht übernimmt.“

„Nicht jedes Unterfangen“ politischen Widerstands „wird gelingen, vor allem wird es nicht leicht und selten schnell vonstatten gehen.“

„Doch politischer Widerstand eröffnet eine echte Siegeschance.“ „Diese Chance (lässt) sich deutlich vergrößern, wenn man eine kluge umfassende Strategie entwickelt, strategisch sorgfältig plant, hart arbeitet und ebenso diszipliniert wie couragiert kämpft.“

Grundlagen für eine dauerhafte sozialistische Demokratie.

„ Der Sturz einer Diktatur ist natürlich ein Anlass zum Feiern.“

„Nicht alle werden diesen Tag erleben.“

„Leider darf man in dieser Zeit die Wachsamkeit nicht verringern.“

Es gilt, der Gefahr einer neuen Diktatur mit Erfolg zu begegnen. „Die neue Diktatur ist möglicherweise sogar noch grausamer und totaler in ihrem Kontrollanspruch als die alte.“

„Das erste Grundprinzip einer Anti-Putsch-Strategie ist …, den Putschisten jegliche Legitimität abzusprechen.“

„Das zweite Grundprinzip der Putschabwehr besteht darin, den Putschisten mittels Nichtzusammenarbeit und Verweigerung Widerstand zu leisten. Man muss ihnen die nötige Zusammenarbeit und Unterstützung verweigern. Im Wesentlichen lassen sich gegen die neue Bedrohung die gleichen Methoden der Auseinandersetzung anwenden wie gegen die Diktatur, doch müssen sie sofort zum Einsatz kommen.“

Neue Verfassung.

„Das neue demokratische System braucht eine Verfassung, die den ersehnten Rahmen für die demokratische Regierung bildet.”

Sozialistisch-demokratische Verteidigungspolitik.

„Das befreite Land sieht sich möglicherweise auch mit äußeren Bedrohungen konfrontiert, gegen die es Verteidigungsfähigkeiten benötigt.“

„Um die Demokratie im Innern aufrechterhalten zu können, sollte man ernsthaft überlegen, wie sich die Grundprinzipien politischen Widerstands auf die Bedürfnisse nationaler Verteidigung anwenden lassen. Indem sie die Widerstandsfähigkeit unmittelbar in die Hände der Bürger legen, können solche befreiten Länder es vermeiden, eine starke Militärmacht aufbauen zu müssen, die ihrerseits womöglich die Demokratie bedroht oder riesige wirtschaftliche Ressourcen verschlingt, die man viel dringender für andere Zwecke braucht.“

Ende der Rezeption.

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